Auf der Rückfahrt vom Hüttenurlaub in den französischen Alpen in der Nähe des Mont Blanc
wollten wir (Tim und der Autor) das nacholympische Turin besuchen. So ging dann der Weg weg vom beeindruckenden Panorama des höchsten Berges Europas, über den kleinen St. Bernhard-Paß, vorbei am Denkmal des legendären Mönchs und Ordengründers, durch das leider verregnete Aostatal. Das teilweise französischsprachige Aostatal mit seinen zahlreichen Burgen und Festungen leitet ins Piemont, die Autobahn immer in Richtung Hauptstadt, also Turin.

Die Einfahrt von Norden in die Stadt ist kein wirklicher Genuß, insbesondere, wenn man noch in einen sich gerade auflösenden Wochenmarkt gerät. Schön wird die Stadt erst in der Innenstadt, also südlich des Corso Regina Margherita. Aber dann - der erste, eher triste Eindruck verflüchtigte sich hier sehr schnell, das aktuelle Motto der Stadt "Torino ti sorprende" (Turin überrascht dich) stimmt tatsächlich. Jede Menge barocke Prachtbauten erwarten den Besucher.
Wir hatten im Hotel Alpi Resort gebucht (preiswerte Hotels in Turin findet man übrigens auf trivago.de), mit dem klapprig-romatischen antiken Aufzug im dritten Stock, zumindest von unserem Zimmer aus Blick auf den Po inbegriffen. Von hier aus sind viele Highlights der Innenstadt erlaufbar, alles kann man in 24 Stunden leider ohnehin nicht besuchen. Die unmittelbar benachbarte Piazza Vittorio Veneto ist trotz aktueller Bauarbeiten absolut sehenswert und der Turm der Mole Antonelliana spitzt von hier aus bereits über die Häuser!

Ein erster Kaffee in einer der Bars, etwas Kleines zum Essen dazu, so schmeckt uns Italien. Das Ambiente trägt das seine zum Wohlbefinden bei.
Hier beginnen auch die berühmten 18 km Arkadengänge ("portici"), so daß wir auch bei Regenwetter trockenen Fußes durch die Stadt gekommen wären. Im Gegensatz zum heimatlichen Allgäu war das Wetter hier aber sehr angenehm, trocken und nicht zu heiß. Unser erstes richtiges Ziel sollte nun die auf der Rückseite der italienischen 2 Cent-Münze abgebildete Mole Antonelliana sein, Europas höchster Ziegelbau. Sie spitzt immer wieder durch die Arkaden der Via Po hindurch, man kann sie kaum verfehlen.

In der ursprünglich als Synagoge gedachten Mole befindet sich heute das italienische Filmmuseum. Wir entschieden uns dafür, nur mit dem Aufzug zur Aussichtsplattform zu fahren und dann von oben auf die Turiner Straßenschluchten und die auf einem benachbarten Hügel stehende Basilica di Superga herab- bzw. hinüberzusehen. Durch den Dunst war leider kein Blick auf die nahen Alpen möglich. Dafür ist die Fahrt mit gläsernen Aufzug durch die riesige Kuppel, quasi schwebend, mit natürlich viel zu kurzem Blick auf die beeindruckenden Exponate des Museums umso beeindruckender. Besser, man ist schwindelfrei!

Der weitere Stadtrundgang führte uns über eine Vielzahl schöner Piazze, das ein oder andere Cafè, durch Galerien (wie die "Galleria Subalpina") und elegante Arkadengänge, vorbei an eindrucksvollen Palästen, teuren Geschäften und allerlei Kaffeehäusern. Schade nur, daß viele wegen der Sommerferien geschlossen hatten. Tim zog es natürlich auch in den "Juventus Store", der stets gut besucht und, wie zu erwarten, reichlich teuer ist. Man kann in Turin stundenlang flanieren und sich immer wieder bei leckeren Kleinigkeiten erholen. Turin ist nicht ohne Grund für seine Schokoladen und Nougat-Pralinès ("gianduiotti") bekannt. Die berühmten Zwillingskirchen auf Turins "guter Stube", der Piazza San Carlo waren allerdings durch Bauarbeiten verhüllt, daher hier nur Bilder der beiden Seitenachsen.


Derzeit läuft in der ganzen Stadt die "Biennale dei Leoni 2006", daher begegnen einem auf Schritt und Tritt Löwen in allen Farben, Formen und Größen. Das geht bis zu künstlerischen Verfremdungen wie absichtlich zerschlagenen Statuen mit ihren aufgespießten Fragmenten, zusammengestellt etwa als "Löwensplitter am Spieß". Natürlich ist das nicht das einzige kulturelle Highlight: momentan ist Turin auch Welthauptstadt des Buches, zusammen mit Rom. Auch hierfür findet man Plastiken in der Stadt verteilt, die mit riesigen Bleistiften die Kunst des Schreibens symbolisieren. Aber es gibt nicht nur moderne Kunst, Barockbauten und die "Mole": ein weiteres herausragendes Gebäude (in eindrucksvollem Kontrast zur gegenüberliegenden Residenz) ist der 109 m hohe Torre Littoria.

Unglaublich beeindruckend und unbedingt einen Besuch wert ist das "Museo Egizio" mit der großen Sammlung von altägyptischen Fundstücken. Neben Sakophagen, Mumien von Erwachsenen, Kindern, Köpfen, Krokodilen, Katzen, Hunden und Falken, edlen Schmuckstücken, hervorragend erhaltenen Papyri, Totenschiffen und vielen anderen Grabbeigaben, sind in zwei eigenen Sälen große bis riesige Statuen der Götter und Gottkönige ausgestellt. Diese werden im Dunklen, gezielt sparsam angestrahlt und mit leicht gruseligen Tönen untermalt präsentiert - die Gänsehaut ist im Eintrittspreis inbegriffen.


Der eigenen Vergangenheit ist man sich hier aber auch sehr wohl bewußt: im Keller ist eine beeindruckende Grundmauer des Gebäudes aus der Römerzeit freigelegt und ausgestellt. Die lange Geschichte der Stadt wird auch an der Ruine der Porta Palatina deutlich, die gut erhalten ist und in einem kleinen Park steht, in dem auch leider nicht zugängliche Ausgrabungen und Kopien von antiken Bronzestatuen, u.a. von Julius Caesar stehen. Auf dem Rückweg frequentierten wir ein Restaurant (lecker!) gegenüber des Eingangs zum Filmmuseum und genossen während des Sonnenuntergangs und danach den Blick auf die nächtlich beleuchtete Mole. Auf deren Dach leuchtet nachts rot ein Kunstwerk des Turiners Mario Merz: "Il volo dei numeri" (Flug der Zahlen). Überhaupt wirkt Turin (wie wohl die meisten Städte) in der Nacht noch zauberhafter!


Der Po ist in Turin schon ein richtiger Fluß, obwohl er doch gar nicht so weit entfernt entspringt. Der Blick aus dem Zimmerfenster genügte uns natürlich nicht, Parks, Paläste und Kirchen wie die an den römischen Pantheon erinnernde San Madre di Dio säumen seine Ufer - und natürlich breite Verkehrsadern. Auf den hohen Hügeln der anderen Flussseite thront entfernt über allem die mächtige Basilica di Superga. Von ihr aus habe man bei klarem Wetter eine wundervolle Übersicht über die Stadt und die nahen Alpen, heißt es.

Diesen Blick und Vieles mehr, das wir auslassen mussten (Atrium Torino, Turiner Grabtuch, Film- und Automuseum, diverse weitere Schlösser, Palazzi und Museen, Lingotto mit der ehemaligen FIAT-Teststrecke auf dem Dach, die Olympia-Sportstätten etc. pp), werden wir beim nächsten Mal besuchen - mit mehr Zeit und zu einer anderen Jahreszeit, wo nicht so viel geschlossen ist. Vielleicht in der Trüffelsaison oder im Winter mit der legendären Weihnachtsbeleuchtung?
|